Mit Akku-Geräten auf Erfolgskurs

Mit Akku-Geräten auf Erfolgskurs

Einen Rekordumsatz im 90. Jahr der Unternehmensgeschichte er­wirtschaftete 2016 die Stihl-Gruppe. Dazu trug vor allem ein Wachs­tumsboom der Akku-Geräte bei. Darüber und über Neues aus der Stihl-Ideenschmiede informierte Norbert Pick, Vorstand Marketing und Vertrieb, die Zeitschrift Treffpunkt.Bau. Das Interview führte Rai­ner Oschütz.

TREFFPUNKT.BAU: Stihl hat im vergangenen Jahr die Minder­heitsbeteiligung an der Globe Tools Gruppe, einem Hersteller von Elektro- und Akku-Produkten, erworben. Wie hat sich das auf den Märkten vor allem in Nordamerika und in China ausgewirkt?

Pick: Mit der Beteiligung an der chinesischen Globe Tools Gruppe – einem führenden Unternehmen bei der Entwicklung und Produk­tion von Akku- und Elektrogeräten für den Gartenbereich – setzen wir unsere Strategie auf dem Wachstumsfeld Akku konsequent um. Wir sehen dabei auch Synergien für beide Unternehmen Durch die Zusammenarbeit ist es uns möglich, vor allem im Einstiegssegment unsere Produktpalette zügig zu erweitern. Natürlich profitieren wir auch von den günstigeren Produktionskosten sowie beim Einkauf von Komponenten am chinesischen Standort von Globe Tools. Dort werden zurzeit die drei Akkugeräte der Stihl Einstiegslinie montiert. Das sind die Heckenschere HSA 45, der Trimmer FSA 45 und das Blas­gerät BGA 45. Diese Erzeugnisse werden dort nach unseren Maßga­ben auf speziellen Fertigungsstraßen exklusiv für Stihl hergestellt. Damit ist es uns möglich, Produkte in der bekannten Stihl-Qualität zu attraktiven Preisen für den privaten Bereich anzubieten. Für Glo­be Tools arbeiten gegenwärtig rund 4000 Beschäftigte. Hauptstand­ort ist Changzhou (China).

TREFFPUNKT.BAU: Anfang des Jahres wurde bekannt, dass Viking die Farbe wechselt und ab 2019 Orange „trägt“ statt Grün. Warum dieser Farb- (Sinnes-) Wechsel? Stihl hat doch bisher immer im Sinne der Kunden die Zweimarken-Strategie favorisiert.

Pick: Das ist ein spannendes Thema. Die grünen Viking-Gartengerä­te gehören seit 25 Jahren erfolgreich zu Stihl. Anfang dieses Jahres haben wir die Entscheidung getroffen: „Alles Grüne wird orange“. Viking ist heute im Stihl-Fertigungsverbund der größte Hersteller von handgetragenen Akku-Produkten für die Marke Stihl. Die Er­zeugnisse werden im Werk Langkampfen (Österreich) gefertigt. Dazu gehören unsere Baukastensysteme mit Geräten, die jeweils mit dem gleichen Akku betrieben werden können. Diese Stihl-Akkus passen ebenfalls in Rasenmäher, die unter der Marke Viking verkauft werden. Bisher war es nicht immer einfach, den Kunden diese Zwei­marken-Strategie zu er­klären. Die Umstellung ermöglicht künftig eine Kon­zentration aller Vertriebs- und Marketingaktivi­täten auf nur eine Marke. Im Ge­gensatz zur weltweit vertretenen Marke Stihl beschränkt sich Viking gegenwärtig auf den europäischen Markt. Ich bin sicher, dass der Markenwechsel dem heutigen Viking-Sortiment mittelfristig eine Vertriebsperspektive auch außerhalb Europas eröffnet. Stihl ist heu­te in über 160 Ländern vertreten. Viking bedient bisher nur einen Bruchteil davon. Da gibt es Wachstumsmöglichkeiten. Bei dem aktu­ellen starken Zuwachs im Akku-Bereich macht es natürlich Sinn, alle Produkte unter der Weltmarke Stihl zu bündeln. Einen ersten Schritt in diese Richtung haben wir 2008 bereits vollzogen. Bis dahin ge­hörten auch verschiedene handgetragene Elektroprodukte zu der Marke Viking. Seit 2008 wird dieses Sortiment bereits unter der Mar­ke Stihl vertrieben. Die Folge war ein deutliches Absatzplus bei die­sen Produktgruppen. Der „Farbenwechsel“ hat im österreichischen Werk Langkampfen keine negativen Auswirkungen auf die Zahl der Arbeitsplätze. Im Gegenteil: Bei weiterem Wachstum und damit verbundener Produktionssteigerung wird auch der Viking Standort weiter wachsen.

TREFFPUNKT.BAU: Ist das eine Reaktion auf die wachsenden Märkte im Do-it-Yourself-Bereich?

Pick: Nein, das sehe ich nicht so. In vielen Ländern der Welt ent­wickelt sich der Fachhandel sehr positiv. Seit Gründung des Unter­nehmens vor über 90 Jahren gibt es Stihl-Erzeugnisse ausschließlich beim servicegebenden Fachhandel zu kaufen. Für nachhaltigen Er­folg ist es wichtig, den Kunden und die Kundenbedürfnisse zu ken­nen. Wir sind davon überzeugt, dass die persönliche Beratung der Kunden im Fachhandel, die damit verbundene richtige Auswahl der Produkte und die anschließende Einweisung in die Handhabung eine wesentliche Voraussetzung für die langfristige Zufriedenheit der Kunden nach dem Kauf unserer Produkte ist. Ein weiterer wichti­ger Baustein unserer Philosophie ist der Service. Wir stellen Produkte her, die ein „langes Leben“ haben. Stihl produziert keine Wegwerf­produkte. Das heißt, damit die Produkte lange lauf- und leistungs­fähig bleiben, ist die richtige Wartung notwendig. Dafür gibt es den servicegebenden Fachhandel. Deshalb gibt es im Handel keine Stihl-Produkte ohne Beratung, Einweisung und Service. Darüber hi­naus haben wir seit diesem Jahr das Stihl Fachhandelsnetz in städ­tischen Gebieten um zusätzliche Vertriebspartner erweitert. Denn gerade dort ist der Bedarf an Akku-Produkten deutlich gestiegen. Diese Erzeugnisse sind gegenüber den benzingetriebenen Gerä­ten leiser. Im städtischen Bereich gibt es daher Bedarf für weitere Stihl-Händler, die ausschließlich Akku- und Elektrogeräte vertreiben. Deshalb ergänzen wir unser Fachhandelsnetz um neue Verkaufsstel­len, nämlich die Stihl-Elektro- und Akku-Partner.

TREFFPUNKT.BAU: In vielen Branchen boomt der Online-Verkauf. Wie hat sich das für Stihl im In- und Ausland entwickelt?

Pick: Wir haben vor drei Jahren mit dem Stihl Online Partner-Pro­gramm unseren Fachhändlern den Online-Verkauf von Stihl-Pro­dukten ermöglicht. Auch hier gilt, dass der Verkauf nur über den servicegebenden Fachhandel erfolgt. Für einen einheit­lichen Auftritt haben wir eine Plattform entwickelt, die unse­re Fachhandelspartner gerne nutzen. Allerdings gibt es beim Kauf Einschränkungen. Wenn der Kunde Produkte online bestellt, die einer Einweisung bedürfen, wie z. B. Motorsägen, können sie nur zur Abholung beim Fachhändler bestellt werden. Der Kunde kann bequem online kaufen, dennoch ist die Einweisung, die einen zen­tralen Punkt unserer Vertriebsphilosophie darstellt, gewährleistet. Deshalb ist der Online-Handel bei uns etwas anders als bei vielen Wettbewerbern. Wir sind überzeugt, dass wir auch hier im Sinne unserer Kunden handeln. Immerhin gibt es in 26 Ländern Europas Händler, die am Stihl Online Partner-Programm teilnehmen und mit einem Web-Shop rund um die Uhr präsent sind und Stihl und Viking Produkte – und nicht zu vergessen vielfältiges Zubehör – verkau­fen. Nicht selten bieten Fachhändler einen besonderen Service und liefern online bestellte Produkte direkt auf die Baustellen. Natürlich ist auch hier die entsprechende Einweisung in das Produkt obligat.

TREFFPUNKT.BAU: Digitalisierung ist in aller Munde. Welche Strategie verfolgt Stihl für diese Entwicklung?

Pick: Stihl hat eine umfassende Strategie zur Digitalisierung entwi­ckelt. Das ist für uns seit langem kein Fremdwort mehr. In der Ferti­gung setzen wir seit Jahren auf Digitalisierung der einzelnen Produk­tionsprozesse, die über alle Produktionsstandorte hinweg weltweit miteinander verknüpft sind. Wir setzen in der Produktion u. a. auf sogenannte kollaborative Roboter, die mit den Menschen „Hand in Hand“ arbeiten. Wenn ich unsere großen Vertriebsgesellschaften sehe, so sind die in der Logistik sehr stark automatisiert. In unserer deutschen Vertriebszentrale in Dieburg haben wir bereits 2010 eine neue Logistik installiert, die vernetzt ist. Computergesteuert werden Ersatzteile bereitgestellt. Das alles sind Digitalisierungsschritte, über die man in der Vergangenheit wenig geredet hat. Heute läuft das alles unter dem Stichwort Industrie 4.0. Die Digitalisierung ist auch der Treiber für neue Produkte, die einen höheren Kundennutzen er­möglichen. Das wirkt sich vor allem in der Vernetzbarkeit unserer Erzeugnisse aus. Dazu gehört der vernetzte Garten, basierend auf der Kommunikationsfähigkeit der einzelnen Geräte miteinander. Be­reits heute besteht die Möglichkeit, den Mähroboter Viking iMow über eine App zu steuern. Die neuen Produkte gehen weit darüber hinaus in Richtung „Smart Garden“. Anwendern von Stihl Geräten werden zukünftig beispielsweise Informationen über Nutzungsdau­er oder optimale Anwendung in Echtzeit direkt auf das Smartphone geliefert. Auch eine zentrale Erfassung von Geopositionen einzelner Geräte wird dann möglich sein. Doch nicht nur für die Produkte selbst, auch beim Service im Fachhandel sollen die Chancen der Di­gitalisierung vermehrt genutzt werden. Wir arbeiten mit Hochdruck an intelligenten Technologien, um unseren Kunden neue digitale Anwendungen präsentieren zu können.

TREFFPUNKT.BAU: Wohin geht die Entwicklung der Benzinmotor-sägen? Ist die Technik überhaupt noch zu toppen?

Pick: Die Entwicklung bei den Motorsägen – ein Kernprodukt der Marke Stihl – geht ständig weiter. Darauf legen wir besonders viel Wert, um auch künftig Spitzenprodukte anbieten zu können. Das gilt auch für alle benzingetriebenen Stihl-Produkte. Der Trend bei den Motorsägen im Profibereich geht natürlich zu immer leichte­ren und leistungsfähigeren Produkten. Die sprichwörtliche Stihl-Zu­verlässigkeit ist dabei oberstes Kriterium. Wir werden in Kürze die neue Motorsäge MS 462 C-M auf den Markt bringen. Sie ist ein Bei­spiel für hohe Leistung bei geringem Gewicht. Das Motorgewicht des 4,4 kW-Kraftpakets liegt bei nur 6 kg. Mit gerade einmal 7,3 kg ist auch das Systemgewicht, also das Gewicht der unbetankten Moto­reinheit inklusive 50 cm-Führungsschiene Rollomatic ES Light und 3/8“ Rapid Super-Sägekette, einzigartig niedrig. Die MS 462 C-M ist übrigens die leichteste Säge ihrer Hubraumklasse und wurde dafür beim Neuheitenwettbewerb im Vorfeld der demopark in Eisenach mit einer Silbermedaille ausgezeichnet. Hinzu kommt, dass die neu­en Produkte im Hinblick auf die Emission weiterentwickelt und im­mer sparsamer im Verbrauch werden.

TREFFPUNKT.BAU: Kürzlich vermeldete Stihl einen Rekordumsatz für 2016. Wie ist der Stand der Dinge?

Pick: Der Umsatz der Stihl Unternehmensgruppe stieg 2016 um 6,6 Prozent auf 3,46 Milliarden Euro – ein Umsatzrekord im Jahr un­seres 90. Firmenjubiläums. Mit den Wechselkursen des Vorjahres hätte das Umsatzplus sogar bei 9,5 Prozent gelegen. Wie ich bereits sagte, geben wir nicht nur Gas bei der Entwicklung neuer Akku-Ge­räte, sondern werden auch die Benzin-Technologie weiterhin wei­terentwickeln. Auch in diesem Jahr haben wir in den ersten Mona­ten dieses Jahres den Erfolgskurs von 2016 fortsetzen können. Ein Grund dafür sind die günstigen Witterungsbedingungen und der damit verbundene Anstieg der Verkäufe, nicht zuletzt auch bei den Akku-Geräten.

TREFFPUNKT.BAU: Natürlich darf auch in diesem Interview Ihre Einschätzung der weltweiten Märkte nicht fehlen…

Pick: Im letzten Jahr sind wir weltweit in allen für uns relevanten Regionen mit Ausnahme von Brasilien gewachsen. Das lateinameri­kanische Land leidet unter einer schweren Wirtschaftskrise, was sich natürlich auf unsere Absätze auswirkt. Nordamerika und Westeuropa brachten uns 2016 zweistellige Zuwachsraten. Osteuropa hat sich ebenfalls positiv entwickelt. Bemerkenswert ist der russische Markt. Dort hatten wir durch die wirtschaftliche und politische Krise in den vergangenen Jahren einen drastischen Rückgang. Eine wesentliche Ursache war der Verfall der Rohstoffpreise. Das führte zum Absturz des russischen Rubels. 2016 sind die Verkäufe unserer Produkte wie­der angestiegen. Das liegt an einer zunehmenden Kaufkraft im Lan­de. Ausgezahlt hat sich auch unsere Präsenz in Russland während der Krise. Die positive Entwicklung setzt sich im ersten Quartal 2017 fort, genauso wie in Asien und in China. In allen relevanten Märkten haben wir Vertriebsgesellschaften, die auf die Erfordernisse im Land eingehen können. Gegenwärtig sind wir mit 37 Vertriebs- und Mar­ketinggesellschaften sowie den rund 120 Importeuren weltweit gut aufgestellt, um überall nah am Kunden zu sein.

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