Bauboom – gutes Zeichen für Schleswig-Holstein

Bauboom – gutes Zeichen für Schleswig-Holstein

Neumünster. Als „Rückenwind“ für die Nordbau 2017 (13. – 17.09.) in Neumünster erwies sich der kräftige Herbststurm „Sebastian“. 66.200 Besucher kamen zur größten nordeuropäischen Leistungsschau der Branche – 6.000 mehr als im Vorjahr. Mit 849 Ausstellern aus 15 Ländern war die Messe zum 16. Mal in Folge ausverkauft.

„Rückenwind“ spürt auch gegenwärtig die Baubranche in Schleswig-Holstein. Ein Umsatzplus von acht Prozent im ersten Halbjahr und prall gefüllte Auftragsbücher spiegeln sich auch im Messegeschehen wider. Zusätzlich stellten am ersten Messetag Ministerpräsident Daniel Günther und Prof. Dirk Rompf, Vorstandsmitglied der DB Netz AG, der Baubranche einen zusätzlichen Wachstumsschub in Aussicht. Der Ministerpräsident warb deshalb auch für Arbeit und Ausbildung in den Bauberufen und wertete den Bauboom als gutes Zeichen für Schleswig-Holstein.

 

Norddeutsche Partner gesucht

So präsentierte die Bahn während der Messetage norddeutsche Großprojekte mit einem Investitionsvolumen von rund 4,4 Milliarden Euro. „Die Nordbau ist für uns als Plattform der Bauwirtschaft von besonderer Bedeutung“, betonte Bernd Homfeldt, Projektleiter Schienenanbindung „Feste Fehmarn-Belt-Querung“. Ziel war und ist es, möglichst viele norddeutsche Unternehmen als Partner für die Bauvorhaben zu gewinnen. Nur so könnten die Projekte zügig verwirklicht werden. Für die Befürchtung, der Belt-Tunnel könne fertig sein, bevor die Schienenanbindung auf deutscher Seite erfolgt sei, gebe es keinen Anlass. Homfeldt nannte 2027 – ein Jahr früher als geplant – als Ziel.

 

Digitalisierung am Bau schreitet voran

In aller Munde der Aussteller und Besucher der diesjährigen Nordbau war die Digitalisierung. Unter dem Motto „Bau digital – Building Information Modeling (BIM)“ wurden unter anderem Laser-Scans 3-D- und 360-Grad-Visualisierungen von Wohnräumen bis zu großen Bauprojekten präsentiert. VDBUM-Geschäftsführer Dieter Schnittjer sieht einen großen Bedarf an Informationen über die Digitalisierung. Der VDBUM hätte deshalb die Vernetzung der Planung, der Baumaschinen und des Managements auf den Baustellen zum Topthema zur Nordbau gemacht.

 

„Grün in die Stadt“

Ein weiterer Schwerpunkt der norddeutschen Leistungsschau war die Begrünung der Städte. Die Fachverbände Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau von Schleswig-Holstein und Hamburg, der Verband Wohneigentum, Haus & Grund Schleswig-Holstein, der Schleswig-Holsteinische Gemeindetag und der Bund Deutscher Landschaftsarchitekten Schleswig-Holstein präsentierte die Kulisse eines begrünten Innenhofs aus der Kieler Innenstadt an einem Gemeinschaftsstand. „Unsere grüne Oase zeigt, wie Eigentümer und Mieter mit wenigen Mitteln viel erreichen können, wie die Wohnqualität erhöht und die Identitätsstiftung mit dem eigenen Wohnquartier gestärkt wird“, informierte Michael Mäurer, 1. Vorsitzender vom Bund der Landschaftsarchitekten. Wie in jedem Jahr stellte die Nordbau auch 2017 wieder alle Trends und Neuheiten im Bereich der Baumaschinen in den Fokus. Weitere Anziehungspunkte der Nordbau 2017 waren der Treffpunkt „Bauleiter & Poliere“, die große Baumaschinen-Sonderschau mit allen Neuheiten, die über 50 Fachkongresse mit 4.300 Seminarteilnehmern und der Nordjob-Bau-Infotag für den Nachwuchs. Dirk Iwersen, Geschäftsführer der Holstenhallen Neumünster, resümierte: „Kompakte Informationen zu den aktuellen Themen der Bauwirtschaft und die Möglichkeit zum fundierten Austausch unter Kollegen auf internationaler Ebene – dafür sorgen unsere Aussteller Jahr für Jahr und dafür steht die Nordbau als Nordeuropas Kompaktmesse für das Bauen.“

 

Messestimmen

„Die Nordbau ist wie ein großes Familientreffen der Branche und ideal zum Schnacken“, sagte uns Franz-Josef Bellinghausen, Geschäftsführer von SMP. Und diese Aussage trifft den Tenor vieler Aussteller. Sie betonten die Wichtigkeit des Netzwerkcharakters der Messe. Es geht nicht nur um konkrete Abschlüsse, sondern um die Anbahnung bzw. den Ausbau von Geschäftsbeziehungen. Oftmals liegt der Erfolg oder die lang gesuchte Lösung nur ein paar Schritte über den Gang entfernt, oder der ansonsten vielbeschäftigte Ansprechpartner kommt auf seiner Messerunde einfach auf den Stand geschlendert. So kurze Wege direkt zu den Entscheidern und ein solch geballtes Hersteller-Knowhow gibt es nur auf großen Veranstaltungen. Die Baubranche zieht es also aus vielen guten Gründen jährlich in den hohen Norden. Einige Messestimmen haben wir eingefangen.

 

Moba

Geschäftsführer Andreas Velten präsentierte als Neuheit das Pave-TM, das nach Herstellerangaben weltweit erste automatische System zur Schichtdickenmessung für Fertiger. Velten über die Vorteile: „Mit dem Pave-TM haben wir ein System geschaffen, das kontinuierlich die eingebaute Schichtdicke misst und anzeigt. Die klassischen manuellen Methoden entfallen dadurch. Die hohe Messgenauigkeit und die permanente Überprüfung ermöglicht es, die Einbaureserven zu reduzieren. Das eröffnet ein enormes Einsparpotential.“ Auch ausgestellt waren die bekannten MOBA-Maschinensteuerungen in 2D und 3D und eine neue Radladerwaage. Mit Hilfe dieses sehr einfach zu bedienenden Systems kann der Fahrer exakt das geforderte Gewicht einladen. Die ebenfalls gezeigten Planierschilder für Radlader erweitern den Einsatzbereich dieser Maschinen in Richtung kleiner Grader bzw. Planierraupe. Zur Bedeutung der Messe für sein Unternehmen sagte uns Velten: „Die Nordbau ist für uns sehr wichtig, da sich die im Norden ansässige Branche hier trifft. Für uns sehr bedeutend ist der Netzwerkcharakter der Messe. Wir sprechen hier mit vielen unserer Kooperations- und Geschäftspartner.“ Für die Zukunft sieht Velten starke Veränderungen in der Branche, die sich bereits andeuten: „Die Baumaschine an sich, mit Kraft und Komfort ausgestattet, wird sich mit Anbaukomponenten zu einem kompletten System weiterentwickeln. Der Fokus wird sich verlagern hin zu spezialisierten Anbaugeräten. Assistenz- und Automatisierungssysteme werden stark an Bedeutung gewinnen. Der Fahrer wird dadurch jedoch nicht ersetzt werden können, das ist mir ganz wichtig zu betonen. Für die Baufirmen, ob groß oder klein, bedeutet das ein enormes Umdenken. Nicht jeder Unternehmer weiß bereits, wie er die Chancen der Digitalisierung nutzen kann. Andere hingegen haben bereits Systemlösungen in ihren Firmen etabliert und profitieren schon heute von den finanziellen Vorteilen.“

 

Moba/Infrakit

Die digitale Baustelle ist das Thema dieser kürzlich geschlossenen Kooperation. Das finnische Software-Unternehmen Infrakit deckt mit seinen Lösungen das gesamte Baustellenmanagement ab und zwar erstmalig herstellerunabhängig. Ein enormer Vorteil, wie Andreas Velten, Geschäftsführer MOBA, herausstellt: „Heute am Markt haben wir geschlossene Lösungen. Hard- und Software müssen vom selben Hersteller kommen. Mit Infrakit sind wir nun in der Lage, herstellerübergreifend die Maschinen ins digitale Baustellenmanagement einzubinden. Besonders im Erdbaubereich ist das ein technologischer Fortschritt, auf den nach unserer Einschätzung viele Unternehmen gewartet haben.“ Jan van den Brandt, Regional Manager Western Europe bei Infrakit, ergänzt: „Die Fehlerkosten bei Infrastrukturprojekten liegen im Schnitt bei 12 bis 20 %. Sie entstehen zum großen Teil dadurch, dass Material nicht zum richtigen Zeitpunkt in ausreichender Menge an der benötigten Stelle ist. Es mangelt am Informationsfluss, nicht jeder vor Ort ist auf dem gleichen Stand. Unsere Software basiert auf einer Cloud-Lösung. Jeder, der Zugang zur Cloud des spezifischen Projekts hat, ist auch auf dem gleichen, neuesten Informationsstand. Infrakit benötigt dazu nur eine Internetverbindung, über die die Maschinensteuerung mit der Cloud kommuniziert. Die Software läuft sowohl auf PCs, einfach über den Internetbrowser, als auch auf Smartphones oder Tablets. Irgendwelche zusätzliche Hardware ist nicht nötig. Zurzeit ist Infrakit kompatibel mit den Maschinensteuerungen von MOBA, Dig Pilot, Leica, Topcon und Trimble. Weitere werden in Kürze ergänzt.“

 

SMP

Zum 20. Mal war Franz-Josef Bellinghausen, Geschäftsführer von SMP, mit seiner Firma auf der Nordbau. Als Produktneuheit präsentierte er den Schwenkrotator ST22 mit einem unteren mechanischen Wechsler von Oilquick. Immer mit Blick auf die Kosten und genau auf die Bedürfnisse der Unternehmer und Fahrer zugeschnitten verzichtet der vorgestellte ST22 auf eine Öldurchführung im Schwenkrotator. „Wir haben bewusst unten keine hydraulischen Leitungen liegen. Wir wollten ein simples Gerät herstellen. Der Fahrer nimmt es hydraulisch auf, steigt aus und verriegelt es per Hebel. Anschließend hat er alle Vorteile eines Schwenkrotators mit Schwenken und Drehen, aber ohne das Risiko einer Ölleckage. Zudem liegen wir etwa 25 % unter dem Preis eines Vollautomats. Hinzu kommen die Einsparungen bei den Wartungskosten. Und Zeit spart das Ganze auch noch, denn die sonst nötige Reinigung der Ölkupplungen entfällt. Die mechanische Verriegelung erfolgt über Totpunkt und kann sich nicht von selbst öffnen. ‚Simple and clever‘ war das Ziel, das wir konsequent umgesetzt haben“, sagte uns Bellinghausen. Im kommenden Jahr wird SMP sein 25-jähriges Jubiläum feiern. Der Geschäftsführer freut sich schon jetzt: „Ich möchte groß feiern. Alle Kunden von uns sind vom 15. auf den 16. Juni 2018 herzlich eingeladen.“

 

Sany

Die Nordbau 2017 war eine Premiere für Sany. Zum ersten Mal präsentierte der chinesische Hersteller seine Produkte auf der Messe in Neumünster. An Neuheiten zu sehen waren der SY265, ein 27-Tonnen-Bagger mit Tier IV final Cummins-Motor, und der SY135 mit Tier IV final Isuzu-Motor. Theo van Horck, Area Sales Manager von Sany Europe, blickt auf ein starkes Jahr zurück. „Wir haben jetzt insgesamt zwölf Händler und 21 Stützpunkte in Deutschland. Produktseitig dreht Sany auch richtig auf. Im Moment haben wir neun Maschinen, Ende nächsten Jahres werden es mindestens 15 sein. Die ersten 50-Tonner werden bald ausgeliefert ebenso wie unser 60-Tonnen 28-Meter-Abbruchbagger. Ein 2,6- und ein 5-Tonnen-Bagger kommen in Kürze neu hinzu. Wir wollen dieses Jahr in Europa 370 Maschinen verkaufen, für 2018 planen wir über 600 Verkäufe. Ein Mobilbagger, ein Radlader und ein 14-Tonnen-Kurzheckbagger werden nächstes Jahr die Produktpalette bereichern, ich bin daher sehr zuversichtlich, dieses Ziel zu erreichen. Martin Knoetgen, der neue Geschäftsführer von Sany Europe, kommt von Doosan und weiß, wie Vertrieb funktioniert. Wir spüren auch, dass sich eine Eigendynamik entwickelt. Zunehmend melden sich Händler bei uns, die Sany Produkte verkaufen möchten. Auch Mietparks nehmen unsere Bagger in ihr Programm“, sagte uns van Horck und ergänzte: „Das sind große Schritte für Sany in Deutschland und Europa. Unsere Vorteile sprechen sich herum. Sany steht für eine sehr hohe Qualität des Stahlwerks. Beispielsweise bestehen bei allen unseren Großmaschinen die Ausleger Unter- und Oberplatten aus einem Stück, sie sind nicht geschweißt. Der Unterwagen kommt serienmäßig in Heavy-Duty-Ausstattung. Der Drehkranz ist doppelt geschweißt. Auch bei den Komponenten unserer Zulieferer achten wir auf beste Qualität. Dafür stehen Namen wie Cummins, Isuzu, Kawasaki oder Bosch Rexroth. Wir sind dennoch etwas preisgünstiger als unsere Mitbewerber, Sany ist jedoch keine Billigmarke. Qualität hat eben ihren Preis.“ Für die nahe Zukunft schmiedet Sany gewaltige Pläne. Innerhalb von fünf Jahren will sich der chinesische Hersteller in Europa unter die Top 5 einreihen und 2022 rund 5.000 Maschinen in dieser Region verkaufen, so van Horck.

 

Text: Rainer Oschütz und Peter Hebbeker

Fotos: Messe, MZ Mediaverlag GmbH, Meiller,

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