Doll Fahrzeugbau – Von der Wagenmanufaktur zur Digitalschmiede

Doll Fahrzeugbau – Von der Wagenmanufaktur zur Digitalschmiede

Oppenau. Null oder eins, an oder aus, ganz oder gar nicht – Doll denkt digital und stellt die Weichen mit aller Konsequenz auf Zukunft. Und die liegt für den Fahrzeugbauer mit Tradition seit 1878 nicht im ausgereizten Stahlbau, sondern in der konsequenten Digitalisierung und Vernetzung der Produkte. „Hier sind große Fortschritte mit hohem Kundennutzen möglich. Was wir heute schon mit Doll tronic können, bietet kein anderer Hersteller in unserem Segment. Das ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal“, sagt Renato Ramella, Geschäftsführer von Doll Fahrzeugbau. Manfred Zwick und Peter Hebbeker von Treffpunkt.Bau besuchten das Doll Stammhaus im badischen Oppenau und sprachen mit Ramella über Tradition und Innovation und das Spannungsfeld, das sich auftut, wenn ein alteingesessenes Familienunternehmen über sich hinauswächst.

140 Jahre sind vergangen, seit Johann Georg Doll eine Wagenschmiede in Oppenau im Schwarzwald gründete. Damals war jedes Stück eine zeitintensive Einzelanfertigung in Handarbeit und die Kunden, meist aus dem Holzgewerbe, kamen aus der nächsten Umgebung. Heute produziert Doll mit industriellen Standards rund 1.000 Fahrzeuge pro Jahr, vermarktet sie in alle Welt, unterhält neben Oppenau weitere Werke in Sachsen und den USA, beschäftigt rund 350 Mitarbeiter, setzt 84 Millionen Euro pro Jahr um und gehört seit 2014 zum Portfolio der Beteiligungsgesellschaft CMP. Der Investor stellte die Weichen neu. Der Weg führte weg von der kleinteiligen Manufakturfertigung hin zur qualitätsgesicherten Serienproduktion. Diese Produkte attraktiv in Preis und Leistung zu gestalten liegt seit April 2018 mit in der Verantwortung von Renato Ramella. Der Manager mit langjähriger internationaler Erfahrung im Schwerlastbereich kommt vom Branchenriesen Goldhofer, wo er als Vertriebsdirektor Europa und Nordafrika tätig war. „Ich verstehe, wie der Markt funktioniert. Daher weiß ich auch, dass Doll Fahrzeuge im Vergleich mit Produkten der Mitbewerber unheimlich viel zu bieten haben. Allerdings nützt es nicht viel, wenn nur ich das weiß. Wir müssen mehr über unsere Qualitäten sprechen“, sagt Ramella im Verlauf unseres Interviews.

 

Was war Ihre Motivation, sich bei Doll zu engagieren? 

Renato Ramella: Mein vorheriger Job bei Goldhofer war toll. Doch die Chance, direkt mit einem Kollegen die Geschicke eines Unternehmens zu gestalten, bot sich mir bei Doll. Markus Ehl und ich sind die beiden Geschäftsführer und steuern das Unternehmen komplett. Das ist eine sehr verantwortungsvolle und eine äußerst reizvolle Aufgabe. Ich verfüge über große Gestaltungsmöglichkeiten, um das Unternehmen voranzutreiben. Markus Ehl verantwortet das Technische und Kaufmännische, ich bin für die Marktseite zuständig. Eine der ersten Herausforderungen war, die einzelnen Business Units zu analysieren. Doll hat neben den Fahrzeugen für den Schwerlastbereich und den Holztransport auch die großen Bereiche Flugfeld sowie Behördengeschäft. Jeder dieser Bereiche hat seine speziellen Anforderungen. Die Aufgabe ist es nun, jeweils exakt angepasste Entwicklungsprogramme für diese Geschäftsfelder zu entwickeln. Ich bin sehr zuversichtlich, dass unsere Maßnahmen rasch Erfolge zeigen, denn das Unternehmen Doll hat eine fantastische Innovationskraft. Das hat mich seit jeher fasziniert. Zahlreiche Schlüsseltechnologien unserer Branche wie die Einzelradaufhängung ‚panther‘ stammen aus unserem Haus. Allerdings habe ich mich immer gefragt, warum Doll dieses Know-how nicht besser vermarktet. Doll ist sehr bescheiden und es scheint so, als igele man sich im Schwarzwald ein. Mein Ziel ist es, die einzigartigen Vorteile unserer Spitzentechnologien über die verschiedensten Kanäle zu kommunizieren und ein breites Publikum anzusprechen. Die neuen Marketingstrategien zeigen bereits erste Erfolge. Wir haben hier definitiv die richtige Richtung eingeschlagen.

 

Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

Renato Ramella: Meine Aufgabe ist es, Doll nachhaltig zu einem erfolgreichen Unternehmen zu entwickeln. Und das in allen Bereichen. Deshalb haben wir die einzelnen Business Units Schwerlast, Holz, Flugfeld, Behörden und Customer Service geschaffen. Jetzt geht es darum, sich auf seine Stärken zu besinnen, Alleinstellungsmerkmale proaktiv zu kommunizieren und das Portfolio zu optimieren. Die Konsequenz daraus ist: Wir konzentrieren uns viel fokussierter auf die Produkte mit Marktpotential.

 

Welche Tugenden zeichnen Doll besonders aus?

Renato Ramella: Doll ist einer der innovativsten Hersteller in der Branche. Jedes Detail an unseren Fahrzeugen ist durchdacht. Zahlreiche dieser Lösungen gibt es bei keinem anderen Hersteller. Wir bieten sehr viele Features und nützliche Optionen für den Anwender. Was wir fertigen, ist absolute Oberklasse. Das gilt für alle Bereiche. So kennen uns die Kunden und diese Stärken werden wir auch weiterführen.

 

Bleiben wir beim Thema Innovationen. Mit welchen Neuerungen will Doll am Markt punkten?

Renato Ramella: Wenn wir bei Doll heute von Innovation sprechen, geht es um die Elektronik. Im Stahlbau sind keine entscheidenden Vorteile mehr zu generieren. Das Thema ist weitgehend ausgereizt. Intelligente, vernetzte Steuerungselektronik ersetzt in unseren Fahrzeugen die feste Verkabelung. Damit können wir umfassende Fahrzeugdaten erfassen, ausgeben und analysieren. Für den Nutzer bedeutet das einen konkreten Mehrwert vor allem beim Aspekt der Sicherheit. Zudem wird die Bedienbarkeit der Fahrzeuge erheblich verbessert. Die Elektronik vereinfacht und beschleunigt komplexe Abläufe bis hin zur Automatisierung. Bestes Beispiel beim Holztransport ist unser zwangsgelenkter Selbstlenker: der Doll ratioplus. Dieses elektronische System kombiniert die bewährten Eigenschaften des Doll Selbstlenkers mit den Spur-in-Spur-Vorteilen des Zwangslenkers. Es entlastet den Fahrer und verbessert zugleich die Sicherheit erheblich. Im Schwerlastbereich hat Doll die automatische Nivellierung entwickelt, die ein Bestandteil von Doll tronic ist. Das System sorgt selbstständig für die ausgeglichene Balance der Ladung. Das spart zeitintensive manuelle Eingriffe. Der Transport kann schneller und sicherer abgewickelt werden. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels sind unsere elektronischen Systeme und die zunehmende Automatisierung komplexer Bedienschritte ein wichtiges Kaufargument. Im Bereich Flugfeld beispielsweise unterstützt die Elektronik den Bediener mit Klartext-Informationen und schließt Fehlbedienungen sicher aus. Daher kann notfalls Personal eingesetzt werden, das über keine fundierte Ausbildung verfügt und auf den Maschinen nur angelernt ist. Aber auch Wartungs- und Servicearbeiten werden durch die Doll tronic wesentlich vereinfacht, da der Bedarf jederzeit abgerufen und die Maßnahmen exakt geplant werden können. Alle diese Punkte bedeuten einen entscheidenden, letztlich auch monetären Vorteil für den Kunden. Teilweise verbauen wir über 30 Sensoren in einem Fahrzeug, die die Abläufe überwachen und für Sicherheit sorgen. In diesem Bereich, also bei der Integration elektronischer Systeme ins Fahrzeugkonzept und bei der Vernetzung digitaler Systeme, ist Doll absolut spitze. Und noch besser: Dieses Know-how sitzt komplett bei uns im Haus. Von den in einer Sparte gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnissen profitieren daher innerhalb kürzester Zeit alle unsere Fahrzeuge.

 

Bau- und Fuhrunternehmer sind bekannt als eher konservativer Kundenkreis, der Neuerungen kritisch gegenübersteht. Wie überzeugen Sie diese Klientel vom Nutzen der Digitalisierung?

Renato Ramella: Bei dem einen oder anderen Kundenkreis müssen wir den Bedarf tatsächlich noch wecken. Wenn das Wissen fehlt, was heute in der Fahrzeugtechnik möglich ist, werden diese Innovationen auch nicht nachgefragt. Wir müssen dieses Thema offensiv zeigen und publik machen. Auf der IAA 2018 haben wir bereits einen großen Schritt in diese Richtung vollzogen und Doll connect einem breiten Publikum präsentiert. Wir haben Messebesucher auch aktiv gefragt ‚Brauchst Du das?‘ und ihnen im Gespräch mögliche Anwendungen zugeschnitten auf ihr jeweiliges Anforderungsprofil vorgestellt. Da spürt man dann schnell, wie Interessen geweckt und Vorteile erkannt werden. Auch die Gesetzgebung wird uns in diesem Bereich voraussichtlich entgegenkommen, wenn Dinge wie Achslastanzeigen bald vorgeschrieben werden.

 

Was planen Sie für die Zukunft von Doll?

Renato Ramella: Pauschal von Wachstumsstrategien in allen Bereichen zu sprechen ist zu banal. Im Schwerlastbereich beispielsweise werden wir uns stark konzentrieren auf die weitere Optimierung unseres jetzigen Produktportfolios. Es geht in der Produktion um die Steigerung der Effizienz. Dazu schaffen wir uns ein intelligentes Baukastensystem, aus dem der Kunde individuell wählen kann. Auf diese Weise können wir die Bedürfnisse unserer Kunden weiterhin optimal bedienen, gleichzeitig aber die Kosten senken und die Qualität durch Serienfertigung nochmals steigern. Im Holzbereich werden wir uns konzentrieren auf unseren Fertigungsstandort in Mildenau. Dort bauen wir das Kompetenzzentrum Holz auf und bündeln an einem Standort unsere Ressourcen in diesem Bereich. Zudem werden wir die skandinavischen Länder sowie Westeuropa noch intensiver betrachten. Dort sehen wir beim Holztransport erhebliches Potenzial für weiteres Wachstum. So werden wir sukzessive jeden einzelnen Geschäftsbereich voranbringen. In den nächsten Jahren investieren wir 12 Millionen Euro in Standorte und Mitarbeiter. Wir werden den Umbau vom handwerklich geprägten Betrieb hin zum modernen Industrieunternehmen weiter forcieren. Mit Doll connect beispielsweise sind wir bereits angekommen in der Industrie 4.0. In diese Richtung werden wir uns zielstrebig weiterentwickeln. Unsere Innovationskraft besonders in den Bereichen Digitalisierung und Vernetzung wird Doll den Weg in eine erfolgreiche Zukunft bahnen.

 

Ausblick: Doll connect – die App fürs Trailermanagement

Der nächste große Digitalisierungsschritt erfolgt mit Doll connect. Das Informationssystem für Fahrer und Betreiber steht kurz vor der Markteinführung. Die Software läuft auf mobilen Endgeräten mit iOS oder Android Betriebssystem. Der Unternehmer muss also nicht in ein Extra-Bedienteil investieren, der Fahrer kann einfach das sowieso vorhandene Smartphone oder Tablet nutzen. Die Daten der Sensorik kommen per WiFi Funkstrecke vom Trailer in die Kabine. In einer nächsten Ausbaustufe werden die Daten zusätzlich per LTE an einen zentralen Server gesendet und stehen dem Kunden jederzeit zur Auswertung im Büro zur Verfügung. Doll Connect zeigt übersichtlich auf dem Bildschirm verschiedene Parameter wie Lastverteilung oder Fahrniveau. Auch über wichtige Betriebsdaten wie Laufleistung und Reifenverschleiß wird der Fahrer informiert. Zeit und Geld spart die Wartungsunterstützung, die beispielsweise vor einem aufgebrauchten Fettvorrat der Schmieranlage warnt. Beschädigungen am Fahrzeug und der Ladung vermeiden oder gar einen Unfall verhindern kann die Warnmeldung bei abfallendem Reifendruck oder zu hoher Reifentemperatur. „Insgesamt leistet Doll Connect mit seinen Funktionen einen wichtigen Beitrag, um Stillstandszeiten durch Fehlbedienung oder unzureichende Wartung zu reduzieren. Die Fahrzeugeinsätze werden dadurch besser planbar und verlässlich“, sagt Uwe Trox, Leitung Mechatronik bei Doll.

 

 

Text: Manfred Zwick und Peter Hebbeker

Bilder: Doll Fahrzeugbau, Peter Hebbeker

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