Fliegl – Mit Leichtigkeit zum Erfolg

Fliegl – Mit Leichtigkeit zum Erfolg

Triptis. Minus 500 ist das dicke Plus, das Fliegl seinen Kipperkunden verspricht. High-End-Stahlbau spart bis zu einer halben Tonne Eigengewicht, was sich für den Fuhrunternehmer – ganz nebenbei – Fahrt für Fahrt zu einer erklecklichen Menge transportierter Extratonnage summiert. Der Clou dabei: „Unser Leichtbau geht nicht zulasten der Langlebigkeit“, betont Bernhard Kerscher, CEO Vertrieb und Marketing bei Fliegl. Bei ihren bis ins unscheinbare Detail optimierten Konstruktionen verlassen die Thüringer gerne ausgetretene Pfade und bahnen sich mit patenten Lösungen ihren eigenen Weg. Für den nicht zu bremsenden Non-Stop-Schub bei Entwicklung und Fertigung sorgt seit fast drei Jahrzehnten Helmut Fliegl. 1991 übernahm er einen maroden Aufbereitungsbetrieb für DDR-Landmaschinen und startete vom No-Name-Newcomer durch in die Top 5 der Europa Champions League im Trailerbau.

50 Fahrzeuge pro Jahr lautete das bescheidene Ziel, als Helmut Fliegl, jugendliche 22 Jahre jung, zusammen mit seiner heutigen Frau Margit das Ruder in Triptis übernahm. Aus Oberbayern kommend, verlegten beide ihren Lebensmittelpunkt ins thüringische Triptis und bewohnen seither den obersten Stock des Verwaltungsgebäudes des Unternehmens. „Fliegl Fahrzeugbau ist unser erstes Kind“, sagt Margit Fliegl nicht ohne erkennbare Rührung. Untrennbar ist die Beziehung zur Firma und zu der treuen Belegschaft, mit der das Ehepaar seit Jahrzehnten einen gemeinsamen Weg verfolgt. Dieser führte nicht immer so schnurstracks bergauf wie dieser Tage, sondern verlief auch mitten durch konjunkturelle Untiefen. „Zeit der Verzweiflung“ nennt Helmut Fliegl die besonders für den Bausektor desolaten Jahre 2008/09. Fliegl konnte die Krise jedoch mit eigener Kraft und frischen Ideen meistern und ging gestärkt aus diesem für die Branche zermürbenden Stresstest hervor. Konsequent setzte Fliegl gerade in schweren Zeiten auf Innovation und Nachhaltigkeit, investierte vorausblickend in modernste Fertigungsanlagen und versorgt seine Produktionsstätten mittels Photovoltaik und Blockheizkraftwerken klimaneutral mit Energie. „Greenlight“ nennen die Thüringer dann auch ihr Leichtbau-Fahrzeugkonzept, das grüne Gedanken und schwarze Zahlen vorteilhaft verquickt. Ganz oben im Lastenheft dieser Modellreihe steht: höchste Nutzlast bei niedrigstem Kraftstoffverbrauch und geringstem Reifenverschleiß. Unterm Strich will Fliegl den größten Nutzen pro Kilometer für den Fuhrunternehmer generieren und scheut für diesen Zweck nicht den nötigen Aufwand bei Konstruktion und Fertigung. „Der Antrieb, mehr zu wollen, ist das Geheimnis“, lautet das Credo des Unternehmers. Dieser nimmermüden Philosophie folgend, baute Fliegl das Werk 2, an dem keiner auf der A9 in Höhe Triptis vorbeikommt, ohne die imposanten Hallen wahrzunehmen. Der Lohn der zukunftsträchtigen Investition: ein sprunghafter Anstieg der Stückzahlen durch die effiziente Großserienfertigung in den modernen Produktionsanlagen. Rund 5.500 Fliegl Fahrzeuge verlassen Triptis heute pro Jahr. „Da ist noch Luft nach oben!“, sagt Helmut Fliegl im persönlichen Gespräch und erläutert uns unter anderem, warum gerade die fehlende Tradition eines der Erfolgsgeheimnisse von Fliegl Fahrzeugbau ist.

 

Als Sie 1991 nach Triptis kamen und den Betrieb übernahmen –hatten Sie da einen vorgefertigten Plan in der Tasche?

Helmut Fliegl: Nein, unser Start war nicht ganz so prickelnd (lacht). Ursprünglich wurden hier Achsen und Lenkungen für DDR-Agrarmaschinen aufbereitet. Das Geschäft verlor nach der Wende rapide an Schwung und wir mussten es schnell aufgeben. Danach produzierten wir für einige Monate Müll- und Schrottcontainer, aber auch das war nicht rentabel. Der dritte Anlauf war dann auf Anhieb erfolgreich. Wir starteten mit dem Bau unseres ersten Tandemtiefbettanhängers, dem TTS. Ein Dauerbrenner, den wir bis heute im Programm haben. Es folgte der TPS, ein Plattform-Tandemanhänger. Hinzu kam noch der Tandemkipper, ebenfalls ein Erfolgsmodell bis heute. 1993 bauten wir bereits unseren ersten Tieflader, seitdem eines unserer Hauptprodukte. 1995 stellten wir dann den Plattform-Tieflader vor – eine Innovation, für die wir damals vom Wettbewerb regelrecht ausgelacht wurden. Es brauchte tatsächlich einige Zeit, bis sich die Vorteile herumsprachen und der Markt dieses Konzept annahm. Aber wir haben überzeugt an der Idee festgehalten und den Nutzen bei jeder Gelegenheit propagiert. Heute hat jeder Hersteller so ein vielseitiges Fahrzeug im Programm. Den Standard gesetzt haben jedoch wir als damals noch sehr junges Unternehmen. Und genau das zeichnet Fliegl bis heute aus: Wir sind ganz nah am Markt, schauen und hören genau hin und handeln sofort, wenn wir einen Vorteil für unsere Kunden erkennen. Was der Wettbewerb dazu sagt, ist mir herzlich egal. Hauptsache ist und bleibt der Kundennutzen. Mit dieser, zugegeben dickköpfigen, Einstellung hatten und haben wir Erfolg. 1997 durchbrachen wir die 1.000er Grenze bei den produzierten Fahrzeugen, heute fertigen wir mit 240 Beschäftigten rund 5.500 Fahrzeuge pro Jahr. Und zwar, das ist mir sehr wichtig, ausschließlich hier in Triptis. Fliegl steht für Made in Germany. Unsere Kipper sind zu 100 Prozent selbst gefertigt. Damit sind wir ziemlich einzigartig auf dem Markt. Auf diese Qualität sind wir stolz. Genauso stolz wie auf unsere Innovationskraft.

 

Sie machen keinen Hehl daraus, dass Fliegl durch schwere Zeiten gegangen ist. Aufzugeben war dennoch keine Option. Was treibt Sie an?

Helmut Fliegl: Rendite einzufahren war von Anfang an ein zentrales Ziel für uns – wie für jedes Unternehmen. Mittlerweile haben wir dieses Ziel auch erreicht, schreiben schwarze Zahlen und können aus eigenen Mitteln investieren. Ganz so rund lief es jedoch nicht immer. In unserer noch recht kurzen Historie haben wir bereits fünf ernste Attacken überlebt. Wir haben bewiesen, dass Fliegl Fahrzeugbau eine Daseinsberechtigung am Markt hat und wir lassen uns nicht verdrängen – komme, wer da wolle. Unserer Philosophie bleiben wir treu. Dazu gehört auch, dass wir nicht die Billigsten in der Branche sind. Billig passt nicht zu unserem Qualitätsanspruch. Eine Messlatte für uns ist, dass wir die langlebigsten Fahrzeuge am Markt produzieren wollen. Über 95 % unserer Tieflader mit zehn Dienstjahren sind heute noch rostfrei. Das spiegelt sich wider in den hohen Preisen für gebrauchte Fliegl Fahrzeuge. Zum Thema Haltbarkeit gibt es eine Anekdote aus unseren Anfangsjahren, die ganz gut demonstriert, wie unvorbereitet der Markt auf unsere bahnbrechenden Neuerungen reagiert. Als wir 1993 als erster Nutzfahrzeug-Trailerhersteller damit begannen, massiv auf das Feuerverzinken der Chassis zu setzen, wurden wir auf der IAA dafür verspottet. Meine Frau war ebenfalls auf der Messe und wir mussten uns Sätze anhören wie: ‚Ich sehe den ganzen Tag verzinkte Leitplanken, da muss mein Trailer nicht auch noch verzinkt sein.‘ Damals waren die Fahrzeuge bunt lackiert, heute hat sich das verzinkte Chassis längst etabliert, schlicht weil es haltbarer ist. Auch hier waren wir wieder der zunächst verlachte Vorreiter, haben aber an unserer Überzeugung zum Nutzen der Kunden festgehalten. Und so waren wir in vielen Bereichen die Innovationstreiber: Beim bereits angesprochenen geraden Tieflader, beim Feuerverzinken oder bei der ausziehbaren Zurröse in der Plattform, die wir eingeführt haben und die heutzutage sozusagen Weltstandard ist – die jetzt jeder Hersteller hat, weil sie so praktisch ist. Ebenfalls führend sind wir heute im Bereich Kipper hinsichtlich Nutzlast und niedriger Schwerpunkt. Unsere 25-m³-Mulde ist bei gleichem Volumen bis zu 30 cm niedriger als die anderer Fabrikate und sie ist über 500 kg leichter als vergleichbare Kipper. Das bedeutet einen immensen Mehrwert für den Kunden. Bei jeder Fahrt transportiert er – legal – eine halbe Tonne mehr Nutzlast, ohne dass er irgendeinen Mehraufwand hätte. Durch die niedrige Bauhöhe unserer Mulde ragt sie nicht über das Fahrerhaus des Lkw hinaus. Das reduziert den Luftwiderstand des ganzen Zugs spürbar und spart erwiesenermaßen Diesel. Und schließlich spart unsere Mulde auch noch Zeit beim Kippvorgang. Durch ihre konische Bauweise rutscht das Material leichter raus und sie muss zum vollständigen Entleeren nicht so weit hochgefahren werden. Diese einzigartigen Details zeichnen unseren Kipper aus – er ist schlicht der Beste am Markt. Dass wir das erreicht haben, spornt mich immer wieder an, weiterzudenken und noch besser zu werden. Wenn die anderen uns kopieren, sind wir schon wieder einen Schritt weiter. In dieser Richtung geht es voran bei uns: immer innovativ bleiben, außergewöhnliche Lösungen finden, auch wenn sie der Tradition im Fahrzeugbau zuwiderlaufen. Wichtig ist allein, und da wiederhole ich mich gerne, dass wir für unsere Kunden die besten Fahrzeuge bauen. Das ist meine Motivation.

 

Wir sind heute durch beide Werke gegangen. Die neue, auf effiziente Großserien getrimmte Produktion unterscheidet sich fundamental von der individuellen, zeitaufwendigeren Fertigung in Werk 1. In welche Richtung tendiert Fliegl – sind Sonderwünsche zugunsten höherer Stückzahlen bald nicht mehr willkommen?

Helmut Fliegl: Unsere beiden Werke ergänzen sich auf Dauer. Auch in Zukunft wird es Kunden geben, die Wert legen auf den Maßanzug und Sonderanfertigungen nachfragen. Diese Ansprüche bedienen wir sehr gut mit unserem Werk 1. Wenn der Anzug von der Stange passt, bedienen wir unsere Kunden mit den Fahrzeugen aus Werk 2. Ohne die optimierten Großserienfahrzeuge kämen wir nie auf so hohe Stückzahlen, die mit ein Grund sind für unsere nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit. Ich bin davon überzeugt, dass ein Hersteller beides können muss, um fit für die Zukunft zu sein: Serien- und Sonderfahrzeuge. Erfolgreiche Pkw-Hersteller machen es auch so. Mercedes hat AMG und BMW die M GmbH, die spezielle Kundenwünsche nach leistungsfähigeren Fahrzeugen erfüllen.

 

Sie haben mit Fliegl Fahrzeugbau bei null angefangen. Hatte dieser Start ohne konstruktive Altlasten Vorteile, indem er die Schaffenskraft beflügelte, und wird es so innovativ weitergehen?

Helmut Fliegl: Die ersten fünf Jahre waren harte Aufholarbeit für uns. Danach zeigten sich viele Vorteile. Wenn man ein Produkt von Grund auf neu denkt, kommen ganz andere Lösungen infrage. Ich bin davon überzeugt, dass Innovationen und das laufende Hinterfragen bestehender Lösungen Voraussetzungen sind für die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens. Größe allein bewahrt keinen Hersteller auf Dauer vor dem Niedergang, da gibt es genügend traurige Beispiele. Wir haben durch den Neustart ohne Tradition im Fahrzeugbau die Dinge anders betrachtet und unseren eigenen Weg gefunden. Rückschrittliche Aussagen wie ‚Das war immer schon so‘ gab’s bei uns einfach nicht. Bestehendes nicht für unantastbar zu halten, sondern bei Bedarf grundsätzlich neu zu machen ist ein zentraler Baustein unserer Philosophie. Das zeichnet Fliegl aus und hat zu Neuerungen geführt, die heute Basis sind für die Erstklassigkeit unserer Fahrzeuge. Die Marktakzeptanz für unsere innovativen Produkte weiter auszubauen ist augenblicklich unser Hauptziel. Auch dabei werden wir unseren eigenen Weg finden und verfolgen. Generell ist bei uns hinsichtlich der Stückzahlen noch Luft nach oben – dass die Bäume in den Himmel wachsen, glaube ich jedoch trotz des anhaltenden Booms der Baubranche nicht. Gewappnet sind wir jedenfalls für gute wie für schlechte Zeiten.

 

 

Text: Manfred Zwick und Peter Hebbeker

Bilder: Fliegl Fahrzeugbau, Peter Hebbeker

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