Reisch Sprengtechnik – Sprengung der Kühltürme des AKW Philippsburg

Reisch Sprengtechnik – Sprengung der Kühltürme des AKW Philippsburg

Ausgerechnet Apfeldorf ist hierzulande der Big Apple der Sprengtechnik. In der oberbayerischen 1.000-Einwohner-Gemeinde sitzt seit 35 Jahren das Unternehmen von Eduard Reisch, Deutschlands wohl erfahrenstem und populärstem Sprengmeister. Er bekommt die Aufträge, die den Zuschauern den Atem stocken lassen. Auch bei der Sprengung der Kühltürme in Philippsburg war Reisch buchstäblich mit beiden Daumen am Drücker und gab eigenhändig den Impuls, der die 2.200 Ladungen zündete.

Exakt 11,5 Sekunden mussten zwischen den beiden Sprengungen liegen. Andernfalls drohte die Gefahr, dass die Erschütterungseinträge der fallenden Türme in den Boden das berechnete Maximum überschreiten würden. Ein absolutes No-Go, denn auf dem Gelände standen noch ein Abklingbecken und eine Zwischenlagerstätte für Brennstäbe. Beide Einrichtungen durften keinesfalls auch nur den kleinsten Schaden davontragen – so bestimmte es eine der zahlreichen unverhandelbaren Vorgaben des Auftragsgebers EnBW.

Mensch schlägt Computer

Damit die insgesamt 70.000 t Stahlbeton so sanft und kontrolliert wie möglich zu Boden donnern, waren umfangreiche Berechnungen und vor allem absolute Präzision und Zuverlässigkeit bei deren Umsetzung gefragt. „Einem Computer konnten wir die Auslösung der Sprengungen nicht anvertrauen. Das Risiko einer Störung bewerteten wir als zu hoch. Wenn er ausfiele, könnte niemand korrigierend eingreifen. Stattdessen trainierte ich im Vorfeld so lange, bis mir die 11,5 Sekunden in Fleisch und Blut übergegangen waren und drückte die Auslöser im richtigen Zeitabstand selbst. Zur Sicherheit standen hinter mir nochmals zwei Sprengberechtigte, die ebenfalls auf die 11,5 Sekunden trainiert waren“, so Reisch. Rund 500 kg Sprengstoff, aufgeteilt in 2.200 zentimetergenau platzierte Ladungen, zwangen die beiden ca. 150 m hohen Kühltürme in nur 20 Sekunden zu Boden. 20.000 l Wasser pro Minute schlugen die Staubmassen nieder. 20 über das gesamte Gelände verteilte Messgeräte protokollierten die Härte des Aufschlags der mit kaltblütiger Präzision gefällten Kolosse. Ihre teils 70 cm starken Wände waren mit bis zu 110 kg/m³ Eisen hoch armiert. Eine Menge wertvoller Rohstoff, den die mit dem Rückbau beauftragte Firma Max Wild vom Betonschutt trennte. Das zerkleinerte und aufbereitete Material soll nach einer abschließenden Eignungsuntersuchung wieder ressourcenschonend vor Ort eingebaut werden.

Null-Fehler-Toleranz

Arbeiten an einem AKW, auch wenn es bereits stillgelegt ist, unterliegen der höchsten Sicherheitsstufe. „7.500 Seiten Papier füllten die Auflagen für die Sprengungen in Philippsburg. Die mussten wir wälzen und die Inhalte 100-prozentig umsetzen. Jeder Schritt wurde von uns gemäß des Vier-Augen-Prinzips überprüft und dann nochmals von externen Experten kontrolliert, unter anderem auch vom TÜV. Die Sicherheitsvorkehrungen in Philippsburg waren maximal. In der Strenge habe ich das auch noch nicht erlebt. Die EnBW hat rigoros darauf geachtet, jedes Risiko auszuschließen“, betont Reisch. Das gesamte Sprengkonzept und alle organisatorischen sowie technischen Aspekte unterlagen einer fortlaufenden Bewertung. Jedes einzelne der 2.200 Sprenglöcher war hinsichtlich Position, Neigung und Tiefe exakt berechnet. Abweichungen waren nicht erlaubt. Externe Spezialisten schauten dem 30-köpfigen Team von Reisch Sprengtechnik, darunter 22 Sprengberechtigte, bei jedem Handgriff unerbittlich auf die Finger. Nach dem Bohren der Sprenglöcher erhielt jeder einzelne Zünder gemäß dem Zündplan eine individuelle, auf den Einbauort abgestimmte Programmierung. „Alle diese 2.200 Programmiervorgänge wurden per Video dokumentiert. Wenn die Zünder dann platziert waren, wurden sie alle nochmals kontrolliert“, erläutert Reisch weitere Einzelheiten des lückenlosen Sicherheitskonzepts.

Bewährter Sprengplan

Die statischen Berechnungen stammten von Dr. Rainer Melzer, der von der FAZ auch schon als „Sprengpapst“ tituliert wurde. „Bereits 54 Kühltürme wurden mit dem in Philippsburg angewandten Verfahren erfolgreich gesprengt – alle auf der Basis von Berechnungen von Dr. Melzer. Das war sowohl für die EnBW als auch für uns der Garant, dass alles glatt laufen wird“, so Reisch. Die Vorarbeiten für Reisch Sprengtechnik begannen bereits im Oktober 2019. Die heiße Phase startete im März 2020 mit dem Bohren der Sprenglöcher. Zeitgleich führte das Team von Reisch Sprengtechnik umfangreiche Abdeckmaßnahmen durch. 20.000 m² Vlies und 5.000 m² Maschendraht brachten sie an der Außenhaut der Kühltürme an, um die Gefahr von Sprengstreuflug auszuschließen. Am 4. Mai 2020 begannen die Ladearbeiten, am 14. Mai um 6.05 Uhr drückte Reisch auf die Knöpfe der beiden Zündmaschinen. Die Sicherheitsvorkehrungen in Philippsburg reichten so weit, dass dieser Sprengtermin im Vorfeld geheim gehalten wurde. Nur erforderliches Personal war anwesend, Zuschauer waren nicht zugelassen. Auch das bedeutete eine Premiere für Eduard Reisch, dessen spektakulären Sprengungen schon mal mehrere Zehntausend Schaulustige anziehen und per TV und Internet in alle Welt übertragen werden. Letztlich gibt der Erfolg den strengen Sicherheitsmaßnahmen recht. „In Phillipsburg ist alles wie am Schnürchen gelaufen. Alle Beteiligten – die Verantwortlichen der EnBW, die Mitarbeiter der Firma Max Wild, die zahlreichen externen Berater, die Sicherheitskräfte, die Behörden und natürlich unser Team – haben reibungslos zusammengearbeitet. Eine solche Mammutaufgabe mit so vielen involvierten Personen derart sauber durchzuziehen war ein tolles Gefühl und gab mir die nötige Ruhe, um im richtigen Moment ganz gelassen auf die roten Knöpfchen zu drücken“, so Reisch.

Gute Gründe für den Abbruch

Die Kühltürme des stillgelegten AKW Philippsburg mussten weichen, um Platz zu schaffen für ein Gleichstrom-Umspannwerk, das von der TransnetBW, einer 100-prozentigen Tochter des EnBW-Konzerns, errichtet wird. Dieser Konverter trägt entscheidend dazu bei, dass eine der großen Stromtrassen zwischen Nord- und Süddeutschland realisiert werden kann – eine notwendige Voraussetzung für die Energiewende.

Text: Bernd Mair und Peter Hebbeker
Fotos: EnBW, Reisch Sprengtechnik

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