Innovation schlägt Krise: Geda geht voran

Die Baubranche und der Maschinenbau befinden sich in einem historischen Stresstest. Zwischen geopolitischen Verwerfungen, lähmender Bürokratie, schwelendem Zollstreit, explodierenden Energiekosten und dem permanenten Druck zur Dekarbonisierung und Digitalisierung müssen mittelständische Unternehmen ihre Identität und ihre Marktposition neu definieren. Dem bayerischen Familienunternehmen Geda gelingt der Spagat zwischen traditionellem Qualitätsanspruch „Made in Germany“, digitaler Transformation und der Erschließung neuer globaler Nischenmärkte. Johann Sailer, seit 1995 Geschäftsführer und seit 1999 geschäftsführender Gesellschafter von Geda, plädiert im Interview für mehr Agilität, fordert Mut zur Innovation und stellt gerade in Zeiten von Automatisierung und KI-Hype den Menschen in den Mittelpunkt.

Vor drei Jahren haben wir uns das letzte Mal zu einem Interview getroffen. Damals blickten Sie trotz des Ukraine-Kriegs, der Materialknappheit und der einsetzenden Hochzinsphase voller Zuversicht in die Zukunft. Wenn Sie auf die derzeitigen geopolitischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen blicken – wie steht es heute um diesen Optimismus?
Johann Sailer: Ich sage immer: Man muss die Dinge pragmatisch und positiv sehen. Natürlich kommen Krisen, aber jede Krise birgt auch eine Chance. Wenn es wirtschaftlich immer nur nach oben geht, beschäftigt man sich oft nicht intensiv genug mit den eigenen Prozessen. Genau das ist aber unser Erfolgsfaktor: Als Familienunternehmen können wir uns sehr schnell auf neue Situationen einstellen. Heute überlebt nicht zwingend der Größte oder der Kleinste, sondern der Schnellste. Wir passen unsere Organisation, den Entwicklungsbereich und die Zusammenarbeit mit Zulieferern und Banken permanent und agil an. Wer da schnell reagieren kann, der sichert sich auch in schwierigen Zeiten gute Marktchancen.

Geda beschäftigt rund 600 Mitarbeiter. Lässt sich diese hohe Flexibilität bei dieser Größe tatsächlich so einfach aufrechterhalten?
Johann Sailer: Ganz einfach ist es nicht. Wir spüren beispielsweise massiv, dass wir hier am Industriestandort Deutschland nicht immer die besten Voraussetzungen vorfinden – das muss man ganz offen aussprechen. Die Politik müsste wesentlich mehr leisten. Die ständigen Kurswechsel bei den Randbedingungen verunsichern die Wirtschaft. Die Verantwortlichen sollten sich erst einmal an einen Tisch setzen und zu Ende denken, bevor sie den ersten Schritt vor dem zweiten machen. Aktuell ist die Unsicherheit unser größtes Problem. Bestimmte Bauvorhaben oder internationale Aufträge, etwa im Zuge der jüngsten Iran-Krise, werden dadurch in eine ungewisse Zukunft verschoben. Das beschäftigt uns sehr.

Ein anderes Reizthema ist die internationale Zollpolitik. Man hört von Unternehmern oft, dass ihnen selbst ungünstige Rahmenbedingungen recht wären, solange sie nur verlässlich und dauerhaft kalkulierbar blieben. Wie agieren Sie in einem Umfeld, das sich täglich ändern kann?
Johann Sailer: Wenn man sich langfristig auf eine Linie einstellen kann, dann ist das machbar. Aber die Zyklen werden immer kürzer und das macht die Kalkulation extrem schwer. Nehmen wir das Beispiel USA: Das letzte Jahr war dort für uns eines der besten überhaupt, gerade was die reale Umsetzung und den Ertrag betrifft. In unserem Segment gibt es dort kaum lokale Hersteller. Also haben wir die damals gültigen US-Zölle auf die Preise umgelegt. Jetzt stehen wir bei rund 10 % Zoll in unserem Bereich und das ganze bürokratische Prozedere geht von vorne los. Wir haben aktuell Anträge auf Zollrückforderungen gestellt. Der administrative Aufwand dahinter ist unvorstellbar. Wir müssen haarklein auseinanderklamüsern: Wer hat wo welchen Zoll bezahlt? Waren das Geräte, die schon im Lager standen, oder Neulieferungen? Kaum hat man sich auf eine Situation eingestellt, kommt es wieder anders. Das verbrät unheimlich viel Energie und Geld.

Welche Problemfelder bremsen die deutschen Unternehmen abseits der Zölle am stärksten aus?
Johann Sailer: Es sind die Summe der Unsicherheiten und die massiven Auswirkungen auf die globalen Lieferketten. Wenn Schiffe verspätet ankommen, fehlt das Material in der Produktion, während gleichzeitig die Transportkosten drastisch steigen. Ein weiteres Thema sind die stark steigenden Löhne und Gehälter in Deutschland. Natürlich verstehe ich, dass die Mitarbeiter angesichts der Inflation mehr Geld brauchen. Aber wo führt diese Spirale hin? Wir in Deutschland sind da im internationalen Vergleich manchmal etwas satt und träge geworden. Das sehe ich als eine sehr große Gefahr für den Industriestandort Deutschland.

Angesichts dieses Dauerfeuers an Problemen: Ist es gegenwärtig besser, das Vorhandene abzusichern, oder gehen Sie den Weg nach vorne?
Johann Sailer: Nur das Vorhandene abzusichern wäre der absolut falsche Ansatz. Wir müssen mutig nach vorne gehen und kontinuierlich neue Ideen einbringen. Wenn wir im globalen Wettbewerb langfristig bestehen wollen, geht das ausschließlich über technologische Innovationen. Natürlich müssen wir parallel auf die Kostenschraube schauen. Wir können nicht mehr jeden Einzelschritt im eigenen Werk abbilden, sondern müssen bestimmte Standardkomponenten im Zuliefererbereich gezielt und günstig zukaufen. Aber die Kernkompetenz – gerade im Bereich der Industrieaufzüge, wo man hochflexibel kleinere Serien in Spitzenqualität fertigen muss – die bleibt ganz klar hier bei uns am Standort.

Deutschland war stets der wichtigste Markt für Geda. Hat sich das Verhältnis angesichts der schwachen Baukonjunktur verschoben?
Johann Sailer: Der Heimatmarkt ist und bleibt extrem wichtig, da muss man als Marke zwingend präsent sein und stark auftreten. Wir liegen hier momentan bei einem Umsatzanteil von rund 35 %. Allerdings ist es in Deutschland für uns mittlerweile sehr schwierig, die Marktanteile noch weiter nennenswert zu steigern. Geda hat ohnehin schon die größte Produktpalette im Markt. Um weiter zu wachsen, brauchen wir also neue Märkte und Nischenprodukte, in die wir mit Neuentwicklungen hineingehen können.

Ein starker Hebel für Innovation ist die Digitalisierung. Viele mittelständische Unternehmen kaufen Softwarelösungen bei Fremdfirmen ein. Geda geht hier einen anderen Weg. Warum?
Johann Sailer: Weil die Softwarekompetenz für uns eine Schlüsseltechnologie und ein klares Alleinstellungsmerkmal ist. Wir beschäftigen in unserer Entwicklung rund 50 Spezialisten – Maschinenbauer, Elektrotechniker und Ingenieure – und haben darunter ein eigenes Kern-Team für die Softwareentwicklung. Alles, was wir unter unserer zentralen digitalen Plattform ‚Geda Central‘ bündeln, entsteht im eigenen Haus. Das reicht von unseren BIM-Modellen über digitale Planungstools bis hin zu unseren IoT-Boxen.

Welchen konkreten Mehrwert bieten diese digitalen Tools dem Anwender oder dem Vermietunternehmen?
Johann Sailer: Nehmen wir als Beispiel das Tool ‚Installation Designer‘. Damit lassen sich die Verankerungskräfte eines Aufzugs direkt im System digital berechnen. Das ist ein riesiger Effizienzvorteil bei der Vorplanung. Ein noch größerer Hebel im Alltag ist die IoT-Box. Damit können wir und die Vermieter die Maschinen komplett vom Bildschirm aus überwachen und steuern. Ein Klassiker aus der Praxis: Ein Kunde ruft beim Vermieter an und beschwert sich, dass der Aufzug nicht mehr fährt. Der herbeigerufene Monteur stellt dann vor Ort fest: Es war nur der Not-Aus-Schalter gedrückt oder ein Endschalter blockiert. Auf den Kosten für den Leerlauf bleibt meistens der Vermieter sitzen. Mit unserem System schaut der Disponent heute einfach auf den Bildschirm, sieht sofort den gedrückten Not-Aus und kann den Fehler in Sekundenschnelle aus der Ferne beheben. So hat sich ein solches digitales System im Handumdrehen wirtschaftlich bezahlt gemacht.

Wie tief ist Geda bereits in die übergeordnete Bauplanung integriert?
Johann Sailer: Wir stellen spezielle Datenformate bereit, sodass der Geda-Aufzug als fester Bestandteil direkt in die digitale Gebäude- oder Baustellenplanung (BIM) integriert werden kann. Der Planer setzt den Aufzug virtuell ein und sieht sofort, ob die Abläufe und die Logistik passen. Am Ende geht es ja um die Gesamtabläufe auf der Baustelle. Die Aufzüge der Zukunft müssen digital miteinander und mit der Baustellenlogistik verbunden sein, damit das System weiß, wann welches Material wo ankommt. Da hat die Bauwirtschaft im Vergleich zu Branchen wie der Landwirtschaft zwar noch massiven Nachholbedarf, aber das Potenzial ist riesig. In Zukunft denken wir hier auch über neue Geschäftsmodelle nach, wie beispielsweise Pay-per-Use-Abrechnungen.

Früher ging es im Aufzugsbau primär um die Parameter „höher, schneller, tragfähiger“. Welche neuen Nischen abseits der klassischen Baustelle tun sich heute für Sie auf?
Johann Sailer: Eine ganz wesentliche neue Nische ist für uns die Windkraftindustrie. Wir haben speziell für diesen Bereich einen völlig neuartigen Turmaufzug entwickelt: den Geda SH 250 W. Das Besondere daran ist, dass er akkubetrieben ist und nach neuesten Sicherheitsnormen arbeitet. Herkömmliche Seilaufzüge können oft erst spät montiert werden. Unser Aufzug läuft über ein Zahnstangensystem und kann quasi ab Tag eins – also bereits ab dem Fundamentbau beim Errichten des Windrades – vom Niveau null an mit nach oben fahren, um Mensch und Material zu transportieren. In Magdeburg wird beispielsweise gerade ein riesiges Windkraftrad mit 250 Metern Höhe gebaut – da stoßen klassische Seilsysteme längst an ihre Grenzen.

Warum ist die technologische Zuverlässigkeit gerade in diesem Segment so entscheidend?
Johann Sailer: Weil Ausfallzeiten in der Windkraft extrem teuer sind. Wenn eine Anlage stillsteht und der Servicetechniker hinfährt, der Aufzug aber nicht funktioniert, klettert der Mann verständlicherweise nicht zu Fuß 200 Meter die Leiter hoch. Der dreht um und fährt wieder weg. Bis der Techniker ein zweites Mal anrückt, hat der Betreiber schnell Tausende Euro verloren. Deshalb ist die maximale Verfügbarkeit und smarte Fernüberwachung unseres Aufzugs ein echtes Verkaufsargument. Auch wenn der Ausbau der Windkraft bei uns im Süden Deutschlands politisch leider immer noch stark ausgebremst wird – global gesehen ist das ein massiver Wachstumsmarkt.

Trotz aller Digitalisierung und Technik betonen Sie in Ihrer Unternehmensphilosophie das Konzept „Der Mensch im Mittelpunkt“. Lässt sich das in Zeiten von Automatisierung, KI, Fachkräftemangel und hohen Lohnkosten noch durchhalten?
Johann Sailer: Absolut, das ist für mich sogar ein ganz zentraler Punkt. Gerade wenn die Zeiten schwieriger werden, ist eine gelebte Unterstützung der Mitarbeiter durch nichts zu ersetzen. Das schafft eine emotionale Mitarbeiterbindung, die man mit Geld allein nicht kaufen kann. Natürlich kann man als Arbeitgeber nicht jeden einzelnen Wunsch erfüllen – wir sind ein Wirtschaftsunternehmen. Aber wir müssen individuell auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen. Und die Loyalität gibt uns recht: Unsere Belegschaft zeichnet sich durch eine tolle Arbeitsmentalität aus. Wir haben jedes Jahr eine Vielzahl an Mitarbeitern, die ihr 25-jähriges oder sogar 40-jähriges Firmenjubiläum bei Geda feiern. Diese Treue ist in der heutigen Zeit ein unschätzbarer Wert im Wettbewerb um die besten Köpfe, gerade weil wir hier in der Region in direkter Nachbarschaft zu großen Konzernen wie Airbus Helicopters stehen.

Sie sind seit 36 Jahren bei Geda – eingetreten im Jahr 1990 und seit 1995 Geschäftsführer. Zudem sind Sie seit Jahrzehnten stark als Funktionär engagiert, unter anderem im Vorstand des VDMA und als ehemaliger europäischer Präsident des CECE. Wie blicken Sie auf die Zukunft und die nächste Generation bei Geda?
Johann Sailer: Die Verbandsarbeit im VDMA und CECE kostet natürlich viel Zeit, aber dieses internationale Netzwerk ist gerade für den Mittelstand überlebenswichtig, um über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Was Geda betrifft: Wir stehen kurz vor einem großen Meilenstein, unserem 100-jährigen Firmenjubiläum im Jahr 2029. Das kann uns kein chinesischer Mitbewerber so schnell nachmachen. Die Königsdisziplin für jeden Unternehmer ist es, den rechtzeitigen Absprung nicht zu verpassen und die Firma sauber in die nächste Generation zu führen. Mein eigener Sohn studiert derzeit Wirtschaftsingenieurwesen, zeigt großes Interesse und sammelt gerade wertvolle Erfahrungen in den USA. Die Weichen für die Zukunft von Geda sind gestellt. Sie basieren auf einem klaren Dreiklang: Der Verteidigung der Marktführerschaft im klassischen Maschinenbau durch kompromisslose Qualität, den konsequenten Ausbau der Software- und IoT-Kompetenz zur Schaffung echter digitaler Mehrwerte und den Mut zum Aufbruch in neue Nischen und internationale Märkte, ohne das Wachstum auf Biegen und Brechen zu erzwingen. Geda zeigt, dass der Industriestandort Deutschland und sein Mittelstand alle Werkzeuge in der Hand halten, um gestärkt aus den globalen Transformationskrisen hervorzugehen. Es braucht dafür keine politischen Heilsversprechen, sondern unternehmerischen Mut, strategische Weitsicht und den festen Glauben an die Kraft der eigenen Innovation.
 

Autoren dieses Textes sind; Manfred Zwick und Peter Hebbeker
Fotos: Geda
 

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