Rolle Gerüstvertrieb // Lieferfähig aus Prinzip
Wer auf das Firmengelände des Unternehmens Rolle Gerüstvertrieb e.K. in Jettingen-Scheppach einbiegt, bekommt schnell einen Eindruck davon, welche Rolle der Lagerbestand spielt: Auf dem Hof stapelt sich Gerüstmaterial in rauen Mengen. Nach Unternehmensangaben hält Rolle dauerhaft zwischen 100.000 und 150.000 m² Material vorrätig. Damit ist die Lieferfähigkeit nicht nur ein Verkaufsargument, sondern ein wesentlicher Teil des Geschäftsmodells.
Angefangen hat das Unternehmen deutlich kleiner. Anfang der 2000er-Jahre startete Manfred Rolle mit dem Handel gebrauchter Gerüste. Später kamen Neumaterial, TÜV-zertifizierte Fahrgerüste und die geschützte Eigenmarke Blizzard hinzu. Mit dem Fassadengerüst Blizzard S70 tritt Rolle heute auch als Anbieter eigener Systembauteile auf. Für das Blizzard S70 hat Rolle eine eigene DIBt-Zulassung erwirkt, die im März 2026 um fünf Jahre verlängert wurde. Sie umfasst auch die geprüfte Kombinierbarkeit mit dem Layher Blitzgerüst 70S – ein bewusster Vorteil für Kunden, die vorhandenes Material weiternutzen wollen. Beim Besuch von Treffpunkt.Bau Mitte Mai ordnete Elena Burgardt diese Entwicklung ein. Sie ist im Unternehmen unter anderem für Marketing und Produktentwicklung zuständig und eng in die Sortimentsentwicklung eingebunden. Im Gespräch erläuterte sie, weshalb Lieferfähigkeit für Rolle ein zentraler Baustein ist und warum Gerüste trotz Onlineshops, Planungstools und KI beratungsintensive Produkte bleiben.
Wie ist aus einem Handel mit gebrauchten Gerüsten ein Hersteller mit eigenem System geworden?
Elena Burgardt: Manfred Rolle kommt aus dem Gerüstbau. Schon vor der Gründung des Handelsgeschäfts hat er viel im Spezialgerüstbau gearbeitet, beispielsweise im Bereich Kirchengerüstbau. Um die Jahrtausendwende kam dann der Handel mit gebrauchten Gerüsten hinzu. Das lief ganz klassisch: Tagsüber wurden Gerüstbauunternehmen, Malerbetriebe und andere Handwerksbetriebe angerufen. Wenn jemand altes Material zu verkaufen hatte, wurde es abgeholt. Den Gebrauchtgerüsthandel baute Rolle zunächst gemeinsam mit einem Partner auf. Der Einstieg über das Second-Hand-Material war gut so, denn dadurch haben wir von Grund auf gelernt, was Qualität bedeutet und was Kunden wirklich brauchen. 2010 kam erstmals neues Material hinzu, zunächst zugekauft von MJ Gerüst. Gebraucht bekommt man eben nicht alles. Damit konnten wir unseren Kunden neu und gebraucht anbieten und flexibel kombinieren.
2014 entstand Rolle Gerüstvertrieb e.K. in der heutigen Form. Als die Idee eines eigenen Systems konkreter wurde, war schnell klar, dass der Weg über eine Zulassung führen muss. 2019 wurde das erste Bauteil zugelassen, ein Alu-Robustboden mit Durchstieg. Seitdem treten wir auch öffentlich als Hersteller auf. 2021/22 kamen die TÜV-zertifizierten Fahrgerüste hinzu. Für 2026 sind Leitern als weiterer Sortimentsbereich geplant. Mit den Produkten ist auch das Team gewachsen. Heute beschäftigen wir 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Darauf sind wir sehr stolz, zumal viele schon seit Jahren dabei sind. Dieses Familiäre ist bei uns wirklich spürbar.
Wie hat sich der Kostendruck in der Baubranche auf die Nachfrage ausgewirkt und wer sind Ihre Kunden heute?
Elena Burgardt: Der Kostendruck ist spürbar. Kunden bestellen vorsichtiger und in kleineren Mengen. Man greift eher auf den vorhandenen Bestand zurück, bevor neu investiert wird. Umsatztechnisch spüren wir zum Glück keinen Unterschied, aber die Unsicherheit ist bei vielen Kunden zu merken. Da unser Einkauf vorausschauend läuft, konnten wir unsere Preise bis jetzt halten. Wir sind im B2B- und im B2C-Bereich tätig. Zu unseren Kunden zählen kleine bis mittelständische Betriebe rund um die Höhenarbeit, also Gerüstbauer, aber beispielsweise auch Dachdecker, Solarbauer und Malerbetriebe. Dazu kommen Privatkunden. Wir behandeln jeden gleich, ob jemand zwei Fußspindeln für den Garten holt oder deutlich mehr Material für eine Baustelle benötigt. Der Schwerpunkt liegt klar in Deutschland. Dazu kommen unter anderem Österreich, die Schweiz, Kroatien und zunehmend auch Griechenland.
Womit grenzt sich ein junges Unternehmen von den etablierten Herstellern ab, wenn nicht über den Preis?
Elena Burgardt: In Deutschland gibt es viele etablierte Hersteller mit wirklich guten Systemen. Es gibt keine schlechten Systeme. Wenn ein Gerüst schlecht wirkt, liegt es meist am falschen Handling, nicht am System selbst. Wir sind ein junges Unternehmen, ein kleiner Fisch im großen Teich. Was uns auszeichnet, ist die Kombination aus Fachberatung und Lieferfähigkeit. Viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen aus dem Gerüstbau oder arbeiten seit Jahren in diesem Bereich. Dazu kommt die 48-Stunden-Expresslieferung, die Abholung ab Lager und ein großer Bestand. Und vor allem: Wir sind menschlich. Man erreicht uns und man vertraut uns.
Welche Rolle spielt das Gewicht der Bauteile in der Beratung, Stichwort Stahl oder Aluminium?
Elena Burgardt: Das Gewicht ist eines der wichtigsten Themen. Leichtere Bauteile bedeuten eine schnellere Montage und weniger körperliche Belastung. In Zeiten des Fachkräftemangels und steigender Arbeitsschutzanforderungen ist das kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Entscheidend ist aber immer der Einsatzzweck. Welche Arbeiten werden ausgeführt? Welche Lastklasse wird benötigt? Wer schwere Arbeiten plant, braucht beispielsweise Lastklasse 4 bis 6, damit kommt in der Regel Stahl ins Spiel. Für leichtere Tätigkeiten wie Malerarbeiten, kleinere Montagen oder viele private Anwendungen reicht Aluminium häufig aus. Bis Lastklasse 3 ist Aluminium möglich, mit entsprechenden Voll-Alu-Böden teils auch darüber. Deshalb fragen wir zuerst, was der Kunde tatsächlich machen möchte, und beraten dann entsprechend.
Ihr Unternehmen betreibt zwei eigene Onlineshops. Wie verkauft man so beratungsintensive Produkte im Netz?
Elena Burgardt: Wir fahren bewusst zwei getrennte Auftritte, weil ein Privatkunde, der zwei Fußspindeln für den Garten sucht, etwas anderes braucht als ein Fachbetrieb, der unser System als Hersteller bewertet. Rolle Gerüsthandel deckt die ganze Breite ab, Blizzard Gerüstsysteme ist der fokussierte Herstellerauftritt. Beide Seiten sehen deshalb auch ganz unterschiedlich aus. Einfache Gerüstpakete und vor allem Fahrgerüste werden direkt online bestellt. Bei kompletten Einrüstungen bleibt die Beratung aber persönlich. Kunden schicken uns ihre Pläne, und dann gibt es fast immer Rückfragen: Welche
Lastklasse wird gebraucht? Welches Material passt? Braucht es Durchstiege, einen Treppenaufgang oder weiteres Zubehör? Auf Wunsch erstellen wir kostenfrei eine Berechnung in CAD und stellen das Gerüst in 3D dar. Digitaler werden vor allem die begleitenden Informationen. Wir arbeiten daran, Aufbau- und Verwendungsanleitungen Schritt für Schritt als grafische Videos aufzubereiten. Die schriftliche Anleitung bleibt rechtlich maßgeblich, aber viele Kunden verstehen einzelne Schritte besser, wenn sie diese auch sehen können. Die Vision ist, ein Bauteil zu scannen und direkt angezeigt zu bekommen, wie es korrekt eingebaut wird.
Die Fahrgerüste werden in China gefertigt. Warum haben Sie sich für diesen Weg entschieden?
Elena Burgardt: Aus der Fertigung in China machen wir kein Geheimnis – und das gilt für beide Produktbereiche. Unsere Fahrgerüste sind TÜV-überwacht und nach deutschem Standard zertifiziert; einmal im Jahr reise ich mit unserem Konstrukteur zur Kontrolle und zur Abnahme neuer Produkte dorthin. Auch unser Fassadensystem Blizzard S70 wird in China gefertigt. Entscheidend ist dabei nicht das Land, sondern die Vorgabe: Die DIBt-Zulassung schreibt Material, Maße und Fertigung verbindlich vor – unabhängig vom Standort. Wir sichern das über eine werkseigene Produktionskontrolle ab, zusätzlich wird die Fertigung regelmäßig von unabhängiger Stelle fremdüberwacht. Wer zugelassene Bauteile herstellt, kann sich Abweichungen schlicht nicht erlauben. Wir fertigen dort also nicht weniger hochwertig, sondern exakt nach denselben verbindlichen Vorgaben, die auch in Deutschland gelten würden.
Ein Gerüst ist eine langfristige Investition. Wie unterstützen Sie Ihre Kunden bei der Kalkulation?
Elena Burgardt: Wir kalkulieren wirklich nur das, was tatsächlich gebraucht wird. Niemand soll mit überschüssigen Bauteilen vom Hof fahren, die später nutzlos auf der Baustelle liegen. Falls etwas fehlt, liefern wir innerhalb von 48 Stunden nach, oder der Kunde holt es direkt ab. Zudem bieten wir den Rückkauf an, sobald eine Baustelle abgeschlossen ist. So entsteht ein nachvollziehbarer Ablauf aus Kauf, Nutzung und Rückkauf. Im B2B-Bereich kommt der Mietkauf über einen Leasingpartner hinzu. Das macht die Investition für viele Betriebe besser planbar.
Wie stellen Sie die Lieferfähigkeit sicher, die Sie so stark betonen?
Elena Burgardt: Unsere Antwort heißt Lager: konsequent, strategisch, groß. Das ist eine bewusste unternehmerische Entscheidung. Wir investieren in Wachstum und Bestand, nicht weil es günstig ist, sondern weil es das Versprechen ist, das wir unseren Kunden geben: Wenn du uns anrufst, haben wir, was du brauchst. Zwischen 100.000 und 150.000 m² Gerüstmaterial halten wir dauerhaft vorrätig. Dazu kommt ein zweites Lager rund 30 km entfernt in Richtung Augsburg. Dort sollen künftig vor allem Fahrgerüste gelagert und versandt werden, weil dieser Bereich stark wächst.
Wird Künstliche Intelligenz die Gerüstberatung eines Tages übernehmen?
Elena Burgardt: KI wird kommen, das steht außer Frage. Im Bereich der Planungstools werden wir eine spürbare Veränderung erleben. Vielleicht gibt es von uns irgendwann einen Konfigurator, mit dem Kunden ihr Gerüst selbst errechnen können. Aber ein Gerüst ist ein beratungsintensives Produkt. Jedes Projekt ist individuell und jeder Kunde ist individuell. Sobald ein Gebäude Balkone, Erker, Konsolen oder Dachbereiche hat, muss aktuell noch nachjustiert werden. Besonders Unternehmen, die neu in den Gerüstbau einsteigen, und Privatkunden brauchen die persönliche Beratung. Gerüstbauer sind bodenständige Menschen, die den Kontakt suchen und manchmal auch fachsimpeln wollen. Das kann keine KI ersetzen. Mein eigener Job im Marketing ist vielleicht gefährdeter, das gebe ich zu. Aber in der Beratung und im Lager wird uns die KI nicht ablösen.
Autoren dieses Textes sind Gloria Schaffarczyk und Dieter Arl
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